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Wenn du Anrufst leg ich auf

von Fatima Njoya
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Verpasste Anrufe in Abwesenheit. Keine Seltenheit, wenn Klingeltöne schweigen und das höchste der Gefühle ein dezentes vibrieren, irgendwo in den Tiefen der Tasche ist. Revolution Telefon und mit dem Start der letzten Staffel Telefonistinnen die perfekte Gelegenheit sich mit dem Mysterium der Unerreichbarkeit zu beschäftigen.

Opening. Der Klassiker unter den iPhone Klingeltönen. Panischer griff zum Handy. Erleichterung. Im Hintergrund geht jemand ran. Display schwarz, wer sollte auch anrufen. Heutzutage ruft keiner an. Ausnahmen Business Calls, Ärzte und Co. Außerhalb davon schreibt man. Hin und her. Endloskonversation. Nur um etwas, das in Sekunden besprochen werden könnte, in die Länge zu ziehen. Als hätte man sich nichts zu sagen oder Angst davor zu viel preiszugeben. Generation es ist kompliziert. Doch woher kommt diese panische Angst vor Anrufen, die direkte Verbindung zu schlechten Neuigkeiten oder dem allseits gefürchteten Wir-müssen-reden?

Commitment oder Unverbindlichkeit

Abgesehen von meiner Familie gibt es wenige FreundInnen, die ich ausschließlich übers Telefon kontaktiere. Vermutlich lassen sie sich an einer Hand abzählen. Damit meine ich die, bei denen ein Gespräch mehr als nur ein „Wo bist du?“ kurz vor der Verabredung oder nachts beim Ausgehen ist. Eigentlich telefoniere ich gerne. Es spart Zeit, man kann anhand der Stimme viel mehr rüberbringen und zu einem gewissen Teil auch Nuancen des Gegenübers erkennen. Aber jemanden, den ich gerade kennengelernt habe anrufen, würde ich auch nicht. Das fühlt sich, verrückterweise, an wie eine Grenzüberschreitung. Eine Art Commitment und dem will man 2020 in gewohnter jugendlicher Unverbindlichkeit eben aus dem Weg gehen.

Direkt. Unmissverständlich. Zeitsparend.

Mehr pro geht doch eigentlich gar nicht. Endlich mal Erreichen, statt stundenlanges Warten, denn laut Studien und Umfragen konnte belegt werden, dass wir im Schnitt ein Drittel des Tages am Bildschirm verbringen. Somit quasi allzeit Erreichbarkeit attestiert bekommen. Warum also nicht direkt auf eine Nachricht antworten? Zwischen Dringlichkeit und Telefonterror. Dazwischen ein Haarfeiner Grad, der sich kaum erkennen lässt und Bekannt ist als omnipräsente Red Flag. Befeuert von Social Anxiety, mit der nicht zu Spaßen ist, kann es unter Umständen bei Anrufen zu Angst- und Schweißausbrüchen kommen. Wenn du Anruf leg ich auf oder lass es so lange klingeln, bis der Bildschirm schweigt.

Telefonieren braucht dringend ein Rebranding hin zu etwas, worüber man sich freuen kann: Ich wollte einfach nur wissen, wie es dir geht. Ganz unverbindlich ohne Druck und Hintergedanken. Ich ruf dich an. Call me, nicht nur maybe – einfach so.

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